Onkel Otto

Es ist ein Familienfest, ich glaube Erstkommunion passt in die Jahreszeit. Die Familie sitzt feingemacht zusammen am genauso feinen Esstisch und schlürft Kaffee. Ihr sprecht über die Messe, die Entwicklungsfortschritte des Kindes, das Essen und auf einmal haut Onkel Otto raus, wie verweichlicht die heutige Jugend doch ist und dass man mit denen doch keinen Krieg mehr gewinnen könne. Früher sei man „hart wie Kruppstahl“ gewesen und als dann alle verschüchtert ihren eigenen Kaffeesatz lesen, stupst Tante Erna dem Otto in die Seite und raunt ihm zu jetzt wieder gut sein zu lassen. Im besten Fall hält Otto jetzt sein dummes Maul, im schlechteren regt er sich auf, dass man nix mehr sagen dürfe und hält nach einem auf den Tisch gehauenen „Ist doch wahr!“ sein dummes Maul. In dieser kleinen Analogie ist die Familie unsere kleine niederrheinische Provinz und Otto die Stadt Kalkar. Nur dass sie leider nicht ihr Maul hält sondern Erna nach dem Stupser wegen Körperverletzung anzeigt.

Seit nun fast 40 Jahren nennt die Stadt Kalkar unbeirrt Wehrmachtssoldaten „Helden“, obwohl sich so ziemlich der Rest der Welt einig darüber ist, dass der zweite Weltkrieg ein verbrecherischer Angriffs- und Vernichtungskrieg und Grundlage für gleich mehrere Genozide war.

Als wäre dies allein nicht „schon ärgerlich“ genug, lässt sich seit Jahren ein Umgang mit Kritik an diesem reudigen „Nazigockel“ beobachten, der den Skandal um dessen Aussage schon öfter in den Hintergrund geraten lassen hat. Und damit wären wir bei meinem Motiv für dieses Blog: Es reicht längst nicht mehr aus, die Geschichte des Denkmals isoliert zu betrachten, die ich auf der Infoseite versuche, so umfangreich wie möglich zu dokumentieren. Aussagen von Verantwortlichen zum Gockel und zu Kritik an ihm, Reaktionen aus der Zivilgesellschaft und die Ausgestaltung vergangener und neuerlicher „Auseinandersetzung“ gehören hierzu eingeordnet, wenn wir verstehen wollen wie es überhaupt möglich sein kann, dass ein solches „Denkmal“ im Jahr 2022 überhaupt noch so da stehen kann, wie es da steht: Zum Verführen erdacht, den Verführten gewidmet, das Grauen glorifizierend und nicht zuletzt alle Opfer verhöhnend.

Ich möchte herausfinden, was genau mit Kalkar nicht stimmt und ob es sich hierbei um ein Kalkarer Problem handelt, ein provinzielles oder doch ein deutsches. Wo findet sich der Nazigockel vom Niederrhein im Lagebild postfaschistischer „Erinnerungskultur“ und wie muss eine Generation gefeit werden, die demnächst ohne Zeitzeug*innen dieses tonnenschwere Erbe antreten muss. Denn soviel ist klar: Wenn dem Kommunionskind vorgelebt wird, dass wir cringed in die Kaffeetasse glotzen, wenn Onkel Otto Nazikram labert, dann haben wir’s verkackt.

Eine Antwort zu „Onkel Otto”.

  1. Ach Kalkar…. Man weiß genau, wieviel Geld die arme Jüdische Gemeinde 1939 für den Verkauf ihres Synagogengrundstück – nach Zerstörung des Bethauses – erhalten hat und wieviel von Verkaufpreis an den „Staat“ ging. Nur: wer das Grundstück damals billigt erwarb, weiß heute natürlich niemand….. Alles schweigt…. Außer wenn der Hitlerspruch bedroht wird, dann gibt es Geschreri!

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