Die Arbeitsgruppe -Dritter Aufzug

Am 18. Januar 2022 trifft sich die sogenannte „Arbeitsgruppe Kriegerdenkmal“ zum dritten Mal. Mit von der Partie sind heute Herr Becker und Dr. Kowalski von der GeBeGe. Was die ist, erklären sie auch kurz nach der Begrüßung und einer Erinnerung an die letzten Sitzungen. Deswegen auch hier nochmal die Erinnerung: Wir sprechen über ein von Nazis errichtetes Denkmal, das seit seiner Umwidmung 1983 auch Wehrmachtssoldaten im Namen der Stadt „Helden“ nennt. Abhilfe soll jetzt ein Künstler*innenwettbewerb schaffen. –Bis dahin passiert erstmal nix und Kalkar bleibt bei diesem steinernen Statement.


Für diesen Wettbewerb sollen nun eine „nun genauer zu definierende Befragung der Kalkarer Bürgerschaft und eine Ideenwerkstatt eine Basis bilden“ -die betonte Kleinschrittigkeit lässt nur erahnen, wie lange sich das noch hinziehen wird. Es ist nicht unbedingt unklug, sich für so ein Projekt professionelle Hilfe zu holen. Wer nun aber meint, die Personen Becker und Kowalski seien selbst Künstler*innen, Kunstsachverständige, Soziolog*innen, Historiker*innen, Steinmetze, Stadtplanende oder wenigstens im Eventmanagement tätig läuft fehl: Das Akronym steht für Gesellschaft für betriebliches Beratungs- und Gesundheitsmanagement:

„Wir sind eine auf Betriebliches Gesundheitsmanagement sowie Organisations- und Personalentwicklung spezialisierte Unternehmensberatung. Besonders wichtig ist es uns, sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit aller Mitarbeiter*innen als Rahmenbedingung für gute Arbeit zu fördern. Denn das hat direkte Auswirkungen auf ihre Leistungsfähigkeit und Produktivität – und damit auf den Erfolg Ihres Unternehmens. Kurz: Wir stärken Unternehmen, indem wir Menschen stärken. Eine besondere Inspirationsquelle ist dabei für uns die Welt des Leistungs- und Spitzensports. Warum? Weil sich hier schon früh die Erkenntnis durchgesetzt hat, wie wichtig ein ganzheitlicher Trainingsansatz ist, um persönliche Bestleistungen zu erzielen. Auf den folgenden Seiten erfahren Sie, wie wir diese Herangehensweise umsetzen.“

https://gebege.org

Auf Nachfrage, was ausgerechnet eine Gesundheitsconsultingfirma bei Fragen zu städtischer Nazipropaganda qualifizieren würde, versichert mir Frau BM Schulz per E-Mail glaubhaft, aber ohne damit eine Antwort auf die Frage zu liefern, die GeBeGe mache „keineswegs nur Gymnastik in der Mittagspause“ und deren „hochqualifizierte Psychologen“ würden sich in der Erstellung von „Fragebögen, die nicht manipulativ sind“ bestens auskennen.
Nach fast 40 Jahren opferverhöhnender Täterglorifizierung beginnt also die „intensive Auseinandersetzung“ damit, sich eine offenbar x-beliebige Firma ins Boot zu holen, die fachfremder kaum sein könnte und diese Entscheidung damit zu erklären, dass Psycholog*innen voll gut darin wären, Umfragen zu erstellen. Spoiler: Am Ende werden die hochqualifizierten Psycholog*innen die Befragung weder durchführen noch auch nur entwerfen.

Im Folgenden wird also ein Rahmen für diese Umfrage gesetzt. Während zunächst einhellig erklärt wird, dass sämtliche (im Protokoll kursiv) „Personenkreise“ erreicht werden sollen –explizit alle Altersgruppen sowie Personen mit oder ohne Migrationshintergrund- erreicht werden sollten, bestehen insbesondere die Ratsmitglieder Gulan und Nüße offenbar unwidersprochen auf einen sehr engen, örtlichen Rahmen: „Die Umfrage solle sich ausschließlich an die Bevölkerung Kalkars (mit allen Stadtteilen) richten, nicht an die kreis- oder bundesweite Allgemeinheit.

Mal ganz davon ab, dass die Altersgruppe der 0 bis 13-jährigen wahrscheinlich komplett unbefragt bleiben wird und die Kategorie „Personen mit oder ohne Migrationshintergrund“ im nächsten Protokoll noch einmal kommentiert werden soll, scheinen Gulan/Nüße und deren Kolleg*innen in diesem Gremium immer noch anzunehmen, der Nazigockel sei ein Problem, dass Kalkar und nur Kalkar etwas anginge. An dieser Stelle seien sie allesamt nochmals daran erinnert, dass zwar Kalkar und nur Kalkar sich das Ding in den Vorgarten gesetzt, später umgewidmet und sich dekadenlang nicht darum geschert hat, dass es ein verbrecherbejubelndes Faschistendenkmal ausstellt. Erst die Veröffentlichungen eines Hürthers, die Kunstaktionen eines Klevers, der vielfältige Protest von Menschen aus dem Kreisgebiet jedoch sorgten zusammen mit einer überregionalen Debatte über den Umgang mit problematischen Denkmälern überhaupt für genug Druck, um auch nur diese Arbeitsgruppe zu gründen. Als sei Nazipropaganda ein ausschließlich Kalkarer Problem. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich in der Zwischenzeit ein Problembewusstsein in der Kalkarer Stadtgesellschaft entwickelt hätte, dessen Bewältigung in einem angemessen Umgang mit ihrem Nazigockel Ausdruck finden würde. Jedoch hat die AG dieses Bewusstsein bisher nicht auch nur im Ansatz gezeigt. So stört sich zum Beispiel offenbar immer noch niemand der Verantwortlichen daran, dass noch zur Stunde deutsche Weltkriegssoldaten als Helden geehrt werden.

Es sollen nun „bspw. Seniorinnen und Senioren nach ihren Empfindungen, Meinungen und Erlebnissen in Bezug auf das Kriegerdenkmal“ befragt werden. Herr Münzner erklärt nochmals, es sei wichtig „in allen Altersgruppen anzusetzen“, macht aber auch keine weiteren Angaben, wie zum Beispiel Grundschüler*innen einbezogen werden könnten. Im Anschluss an die Befragung soll eine „Ideenwerkstatt“ veranstaltet werden, dieser soll Künstler*innen zur Inspiration dienen. SB [Seniorenbeirat] Doll wirft nun endlich ein, dass die Gefahr bestehe „dass konkret ausgearbeiteten[sic] Vorgaben auf Grundlage der Befragungsergebnisse dazu führen könnten, die Intervention* am Kriegerdenkmal zu einem konkreten Auftragswerk werden zu lassen.“
Dem soll natürlich nicht so sein, ist man sich einig. BM Schulz erklärt nochmal:  „dass man durch die Befragungen schwerpunktmäßig Empfindungen der Bürgerinnen und Bürger zusammentragen wolle, die dann durch die Kunstschaffenden aufgegriffen werden können. Konkrete gestalterische Vorschläge werde man hingegen in der Ideenwerkstatt bewusst nicht erarbeiten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass nach vielen und mitunter echt langen Jahren Diskussion und Debatte -in der Empfindungen im Überfluss geäußert wurden- jetzt ohne jeden wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Nährwert nochmal umständlich rumgefragt werden soll, wer denn noch welches Gefühl an dem Steinadler hängen hätte, um dies in der Folge Künstler*innen vorzustellen, damit die dann endlich den alten Nazigockel entschärfen.

Natürlich kann man sich für Bauprojekte Zeit lassen, klar brauchen Künstler*innen Inspiration. Aber nachdem es hier nicht darum geht, ein irgendwie aus der Mode gekommenes Objekt gemeinschaftlichen Ausdrucks aufzuhübschen, sondern eigentlich doch nur darum, Verbrecherarmeen endlich nicht mehr im nationalsozialistischen Sinne abzufeiern drängt sich halt doch die Frage auf, ob diese Arbeitsgruppe überhaupt irgendetwas anderem dient als sich selbst. Jeden Tag, den sie verballert um Trude und Heinz zu fragen, warum sie kein Problem mit ihm haben, lacht der trotzige Adler über die ungezählten und ungeehrten Opfer Kalkars Helden.

*ist die ständige Verwendung dieses Begriffs eigentlich provokant oder nur äffisch?

Eine Antwort zu „Die Arbeitsgruppe -Dritter Aufzug”.

  1. Wo finde ich den Text des alliierten Befehls zur Entfernung aller Nazi-Denkmäler?

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