Die Arbeitsgruppe – Zweiter Aufzug

In der zweiten Sitzung der sogenannten Arbeitsgruppe wird über die
Möglichkeit des Abrisses des Kriegerdenkmals diskutiert. Nach jahrelanger
Debatte ist es weitaus frustrierender als nur überraschend, was für Argumente
hier von Verantwortlichen immer noch angeführt und welche Wörter benutzt
werden. Nicht umsonst hat dieser Beitrag recht lang auf sich warten lassen.


Beginnen wir mit RM Schacky, welches zunächst maue Argumente zum Abriss
liefert (Imagegewinn für die Stadt/ Ein Ende der Querelen), es aber noch
fertigbringt, diese mit noch schlechteren Gründen zu verwerfen:


„Gegen den Abriss spreche ihrer Meinung nach der Kostenaufwand und
insbesondere die Sorge um die Auslöschung der Vergangenheit. Man solle
versuchen, eine positive Erinnerungskultur zu entwickeln und das Denkmal als
Mahnmal verstehen.“

Protokoll der Arbeitsgruppe Kriegerdenkmal 2. Sitzung 23.11.2021


Ich denk ja nicht dran, hier über Kosten zu sprechen. Aus mehr als einem
Grunde. Das Drecksding wurde angeschafft, seit Dekaden gepflegt,
instandgehalten, gereinigt. Eine Kostenfrage stand hier nie im Raum, es ist
billig, sie ausgerechnet jetzt zu stellen.
RM Schacky scheint nicht in der Lage zu sein, in irgendeiner anderen
Form an die Geschichte des NS zu erinnern, als Nazidevotionalien öffentlich
auszustellen. Allein in Kalkar gibt es Dutzende Stolpersteine die an die Opfer
der Nazis erinnern. Die Täter nicht zu ehren stellt keine „Auslöschung der
Geschichte“ dar. Als sei das gesagte nicht unsinnig genug, spricht es angesichts eines Nazisoldaten glorifizierenden Nazidenkmals
von einer „positiven Erinnerungskultur“ und Ich lade es herzlich ein, zur Rubrik „Heldentaten“ einzusenden, was sie denn positives über die „Helden von 1914- 1918 / 1939- 1945“ zu erinnern hätte. Bevor sein Votum dokumentiert wird, legt es die abgegriffene „Mahnmal“-Karte auf den Tisch:
Nach diesem Argument sei es möglich, den Nazigockel vom nazistischen
Propagandamal über das revisionistische Ehrenmal durch pure Willenskraft als
Mahnmal zu „verstehen“.
Eine für so ein Verständnis leider eben doch notwendige Umgestaltung schlägt erst RM Gulan vor. Auch wünscht es sich, eine „kritische Auseinandersetzung vorantreiben zu können“, scheint für diese aber auch kein Ziel definieren zu wollen. -Mein Vorschlag wäre ja die allgemeine Erkenntnis, dass öffentliche Naziglorifizierung wenigstens ultrapeinlich, immer komplett unanständig, im schlimmsten Fall mordsgefährlich ist und deswegen weggeräumt gehört, aber Hey… Seinen Vorschlag eines „doppelten Käfigs“ verstehe ich nicht ganz, aber immerhin plädiert es für eine nicht unerhebliche Umgestaltung.
RM Vogel findet den Steinvogel offenbar hässlich, anders als Finanzfragen oder Quatschargumente von Mahnung und Leugnung findet dies aber kein Gehör.
Mehr fällt ihm dann aber leider auch nicht ein. Vielleicht war es müde. Oder
hatte keine Lust auf Sitzung idk.
Frau Weyers hat wie RM Gulan verstanden, dass es für eine Umdeutung zum
Mahnmal eine Umgestaltung braucht.
RM Hell begründet sein Votum für den Erhalt des Nazigockels nicht. Darüber
hinaus möchte es neue Namensplatten für Weltkriegssoldaten auf dem „Ehrenfriedhof“. Gründe, warum ausgerechnet diese Soldaten noch einmal
geehrt werden müssten und die unzähligen Toten vieler anderer Fehden und
Kriege seit -lass sagen- 1230 nicht, gibt es auch nicht zu lesen.
RM ter Bekke kennt sich in der eigenen Stadt offenbar so schlecht aus, dass es
behauptet, das Denkmal müsse erhalten werden „um auch zukünftig einen Ort zu haben, an dem man sich mit dieser Epoche auseinandersetzen und darüber kommunizieren könne.“ Auch ter Bekke scheint noch nie etwas von den Stolpersteinen in seiner Stadt gehört zu haben. Darüber hinaus hat eh nie viel Auseinandersetzung und Kommunikation über die 12 Jahre Hitler- „Epoche“ an diesem Ort stattgefunden. Es sei denn, man wolle militärische Exerzizien und Blumengeschenke vor dem Denkmal zum „Heldengedenktag“/Totensonntag dazu zählen. Wozu es da zwingend
erforderlich sein sollte ihn zu erhalten, wird nicht erklärt.

Dr. Stürmer, der sich bereits in der letzten Sitzung als „Vermittler“ positioniert
hatte befürwortet den Tenor der Gruppe zum Erhalt und wiederholt das
abgelutschte Quatschargument der Geschichtsleugnung noch einmal. Derselbe Dr. Stürmer hält auch nichts von einer Versetzung des Denkmals (z.B. in ein Museum) und bezeichnet eine solche als „Neuerrichtung“. Ausgerechnet hier warnt er vor möglicher Kritik. Laut Protokoll sind sich in diesem Punkt auch noch alle einig.
Nach dieser Logik wäre der Transport eines deutschen Schützenpanzers aus
dem 2. WK in das militärhistorische Museum im niederländischen Overloon
wohl eine erneute Invasion. Der in der vergangenen Debatte geäußerte
Vorschlag einer Versetzung hat nie darauf gelautet, es vom Ortseingang auf
den Marktplatz oder neben seinen hässlichen Cousin in Grieth zu stellen.
Natürlich würde das Denkmal andernorts ebenfalls den einordnenden
Kontext benötigen, den jetzt schon nicht hat.
Schacky und Gulan erinnern noch einmal an die Geschichte der Errichtung und wollen in Anlehnung an diese einen Spendenaufruf zur Umgestaltung (die sie immer noch „Intervention“ nennen) „in Erwägung ziehen“.
Gulan und Vogel regen an, bzgl. der „noch immer nicht restlos geklärten
Umstände der Anbringung der Jahreszahlen „1939 + 1945“ im Jahr 1983 (…)
noch einmal bei noch lebenden damals beteiligten Persönlichkeiten
nachzufragen.“


Spoiler: In den nächsten Protokollen wird hierzu nichts stehen. Ich hab‘ aber
selber mal den damaligen Stadtdirektor Jürgenliemk gefragt, wie er auf die
Idee gekommen ist und ob denn niemand in der Verantwortungskette
irgendeine Form von Einspruch dagegen erhoben hätte, Wehrmachtssoldaten
als Helden zu feiern. Die Antwort war erwartbar:
Er wisse nicht welche Fragen gestellt worden seien und ob und welche
Antworten er erhalten habe. „Die Vorgänge liegen über 40 Jahre zurück, ich bin seit 26 Jahren nicht mehr im Dienst.“ -Deutsche Entscheidungsträger mit
Erinnerungslücken bei Nazithemen.
Ein Evergreen.


Bürgermeisterin Schulz hält das Aufstellen von Namensplatten für Hitlers Soldaten für „sinnnvoll“: „So hätte man dort eine Gedenkstätte für die
gefallenen Kalkarer Soldaten beider Weltkriege und am Ort des
Kriegerdenkmals ein Mahnmal, mit dem man sich auch
kritisch auseinandersetzen könne.“ Davon ab, dass der Nazigockel auch
dadurch kein Mahnmal wird, indem man ihn wiederholt so nennt, impliziert
diese Erklärung, dass an Gedenkstätten kritische Auseinandersetzung nicht
möglich sei. Wie diese „kritische Auseinandersetzung“ aussehen und zu
welchen Zielen sie führen soll bleibt weiterhin ein Mysterium. Wie viele Statuen und Tafeln braucht Kalkar eigentlich noch für die Soldaten seiner
Angriffskriege? Stand weiter oben nicht irgendetwas von Kostenfragen?


Damit wäre die „Diskussion“ zum Nichtabriss auch schon durch und es wird
berichtet, ein örtlicher Kunst- und Kulturverein habe signalisiert,
Bildungsprojekte mit den örtlichen Schulen durchführen zu wollen.
Auch ein Kunst- Projektkurs im Gymnasium habe sich vor anderthalb Jahren
mit dem Denkmal auseinandergesetzt, das Thema solle im nächsten Jahr
wieder aufgegriffen werden. -Beides ist nur zu begrüßen.


Nun plant die Arbeitsgruppe die „Intervention“.
Hierzu beschränke ich diesen Beitrag auf den ersten Absatz dieser „Diskussion“:


„Die Anwesenden sind sich einig [das sind eh immer die besten Diskussionen], dass es einen Künstlerwettbewerb mit klaren, noch zu definierenden Vorgaben geben solle. Als ein positives Beispiel wird der Wettbewerb für die vor einigen Jahren geplante Errichtung eines neuen Denkmals für die jüdischen Mitmenschen Kalkars genannt, wenngleich die Umsetzung damals keine Mehrheit im Rat gefunden habe.“

https://www.kalkar.de/C125757B004FB233/files/arbeitsgruppe_kriegerdenkmal_2._sitzung.pdf/$file/arbeitsgruppe_kriegerdenkmal_2._sitzung.pdf?OpenElement


Na, das ist doch perfekt: Das Denkmal wird umgestaltet! Von Künstlerinnen! Da kann der Herr Porwol ja jetzt einen Entwurf einreichen, ganz legal und dann wird das was. Wie damals, als es nix geworden ist. Hauptsache, der Herr Künstler oder seinesgleichen halten sich an klar definierte Vorgaben.

Als ob. Auf die Vorgaben dieser Kunstsachverständigengruppe können wir gespannt sein, wohl aber nicht auf die Einreichungen Porwols. Zumindest nicht, wenn es nach der Vorsitzenden der Arbeitsgruppe, Bürgermeisterin Britta „bestellt am Wochenende ’nen Reinigungsnotdienst zur Ehrenrettung von deutschen Weltkriegssoldaten“ Schulz geht, die bereits ausschloss:

„Letztendlich, betonte Britta Schulz, sei es aber Sache des Rates zu entscheiden, was mit dem Denkmal geschieht. Und keinesfalls sei sie bereit, […]Wilfried Porwol und Gleichgesinnte an der Planung teilhaben zu lassen.“

Rheinische Post vom 30.08.2021

Dass sie bei DIR eine Gesinnungsprüfung vornimmt, wenn du eine Idee hast, ist aber eher unwahrscheinlich! Beteiligt Euch demnächst am Künstler*innenwettbewerb und lasst euch keine Scheren in den Kopf setzen. Vor allem nicht von Kalkarer Ratsmitgliedern!

Eine Antwort zu „Die Arbeitsgruppe – Zweiter Aufzug”.

  1. Danke für diesen sehr sinnvollen Bericht&Kommentar. Kalkar ist ein hoffnungsloser Fall. Hast Du den genauen Wortlaut der Enscheidung der Alliierten bzgl. Abriss von Nazidenkmälern? Wir könnten ein internationales Durchführungskomitee bilden!

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