Die Arbeitsgruppe – Erster Aufzug

Am 05.10.2021 (mehr als 3 Monate nach der Sitzung des Stadtrats zum Nazigockel) tagt die so genannte „Arbeitsgruppe Kriegerdenkmal“ also endlich zum ersten Mal. Neben Vertreter*innen der Ratsfraktionen ist Fr. Weyers vom Seniorenbeirat sowie Dr. Stürmer vom LVR- Amt für Denkmalpflege anwesend.

Im hierzu veröffentlichten Protokoll wird erklärt, dass zunächst alle Beteiligten zum Thema gebrieft werden. Dr. Stürmer erläutert das wissenschaftliche Gutachten zum Nazidenkmal, erklärt sich selbst bzw. seine Behörde als „Vermittler“, verlässt diese Rolle aber sehr bald wieder. Auf Nachfrage bestätigt er, dass ein Abriss denkmalrechtlich immer noch möglich sei, er jedoch nicht fände, dass dies „Ziel der Auseinandersetzung“ sein könne.

Ein paar Überlegungen zu den Namenstafeln am Denkmal sind protokolliert: Bürgermeisterin Schulz meint, durch die Herauslösung der Namenstafeln könne das „nationalsozialistisch geprägte Bauwerk“ umgestaltet werden, ohne das Ansehen der dort genannten Personen zu verletzen. Wir stellen uns die Frage, wie man das Ansehen von Personen wohl noch mehr verletzen könnte, als deren Namen weiterhin auf einem kriegsvorbereitenden, faschistischen Denkmal zu belassen.
Die schlecht begründete aber sonst gute Idee, zunächst die Tafeln zu entfernen und auf dem Friedhof aufzustellen wurde durch Dr. Stürmer verworfen, der die Tafeln zum eigentlichen „Anlasszur Einordnung als „offizielle städtische Gedenkstätte“ erklärte. „Ohne diese Namen hätte es das Denkmal wohl nicht gegeben.

Nochmal: Eine Umgestaltung des Denkmals bis hin zum Abriss wäre also aus denkmalrechtlicher Sicht möglich und der Wert des alten Nazigockels besteht eigentlich nur aufgrund der Namenstafeln der getöteten Soldaten im Ersten Weltkrieg. Es wäre so einfach gewesen: Eine Gemeinschaft hätte in Würde ihre Toten betrauern können, an einem geeigneten Ort, frei vom nazistischen Propagandagift, ohne Instrumentalisierung, ohne die nächste Generation zum Schlachten zu rufen. Warum also wurde diese Idee verworfen? Hätten die Platten auf dem Friedhof nicht neues Denkmal werden können? Warum ist ein Abriss denkbar, jedoch eine Teilung nicht? Diese Fragen wurde nicht weiter diskutiert. Zumindest nicht fürs Protokoll. Eine weitere vertane Chance…

Dr. Stürmer erklärt auf Nachfrage, Basalt sei robust, dass eine Instandsetzung „nur etwa alle 50 Jahre notwendig“ werde. -Wenn ich mir vorstelle, dass das Ding in 50 Jahren immer noch so da steht, hab ich’n bisschen Kotze im Hals.

Als im Protokoll die Sprache auf Aufarbeitung und Auseinandersetzung kommt und von einem Bildungsauftrag gesprochen wird, wird deutlich worüber in Kalkar auch weiterhin gesprochen werden wird: Tätergedenken. Der „Blick“, wird hier durch Frau Weyers erstmal auf „heute lebende Menschen, die sich persönlich mit den (…) Soldaten (…) verbunden fühlen“ gelenkt. „Es sei wichtig, diese Menschen zu befragen , was sie empfinden und welche Form der Erinnerung Ihnen wichtig sei.“
-Wir sprechen hier über ein städtisches Denkmal am Orteingang. Individuelle Trauer ist von gesellschaftlichem Andenken zu trennen. Auch wenn der Vergleich nicht voll trifft: Als in Bristol die Statue von Sklavenhändler Edward Colston im Pier versenkt wurde, hat zurecht kein Mensch nach evtl. verletzten Gefühlen der Nachfahren Colstons gefragt. Wer betrauert, dass ein Verwandter gestorben ist wird dafür andere, ja viel geeignetere Orte, Gegenstände und Rituale finden, als irgendwelchen Nazipopanz. Wer Heldenmythen, Totenkult und Revanchismus braucht, um seine Trauer zu bewältigen, muss halt leise heulen. Hier muss ihnen niemand, schon gar keine ganze Stadt beistehen.

Damit ist die sogenannte Arbeitsgruppe dann auch schon durch mit Angehörigen und weiteren Betroffenen und Beteiligten. Vertreter*innen von Opfer- und Hinterbliebenenverbänden waren nicht geladen. Niemand sprach (laut Protokoll) auch nur ein Wort über Opfer der deutschen Soldaten. Oder mit DEREN Angehörigen oder „persönlich verbunden fühlenden“. Erzählt mir nicht, ihr hättet sie gesucht und keine Antwort erhalten!

Es geht direkt zur weiteren „Auseinandersetzung“. Hier ist man sich „einig“, dass es hierzu ein Schulprojekt geben sollte. Die Schüler*innen, sollten sich „mit der Zeit des Nationalsozialismus in Kalkar generell beschäftigen“. Lernende sollen sich mit der Zeit des NS auseinandersetzen. Gute Sache das, so erzieht man Antifaschist*innen. Die einzige Frage, die sich hier stellt ist, warum diese Arbeitsgruppe meint, hier einen besonderen Auftrag zu erteilen. Ich will doch hoffen, dass Schüler*innen der weiterführenden Schulen sich ohnehin intensiv mit dem Thema beschäftigen. Auch ist von einer „Art Stoffsammlung“ die Rede, als „Grundlage für ein neues, umfassendes Gedenken“.

Nach diesem kurzen Exkurs geht es zurück zur Umgestaltung, die die Gruppe von nun an, sich Porwols Begriff für seine Aktionen aneignend „Intervention“ nennt. Diese solle laut Dr. Stürmer (dem ollen Vermittler) „in jedem Falle final“ sein und er betont nochmals, dass dies angeblich einen Abriss ausschließen würde (als sei ein Abriss keine finale Umgestaltung) und erklärt dies damit, dass „eine finale Negierung der Geschichte nie gutgeheißen werden könne“. Wie ein Historiker auf ein so schmales Brett kommt, Weltkriege und Naziherrschaft könnten einfach geleugnet werden, indem deren Verherrlichung eingestellt wird, ist mir unbegreiflich. Mag sein, dass viele deutsche Familien ihre Geschichte als totschweigbar betrachtet haben indem sie Werners Naziuniform in den 70ern dann doch mal verbrannt haben. Diese Denke von Historikern reproduziert zu lesen aber ist gruselig. Kalkar hat Orte der Erinnerung, auch wenn es sich wenig darum bemüht hat. Die Region hat viele Orte der Erinnerung. Von „finaler Negierung“ kann überhaupt keine Rede sein.

Zum Schluss soll „bereits jetzt“ (…) „der Grundgedanke der pädagogischen Auseinandersetzung und Aufbereitung“ an die weiterführenden Schulen herangetragen werden. Meine Hoffnung von vor zwei Absätzen wäre damit wohl auch hin. An dieser Stelle seien die Forschenden nochmal gegrüßt. Ich hab weit mehr Vertrauen in euch und eure Arbeit, als in die dieser Gruppe, die ganz offensichtlich immer noch kein Problembewusstsein entwickelt hat mit dem sich arbeiten ließe. . .

Eine Antwort zu „Die Arbeitsgruppe – Erster Aufzug”.

  1. Ach, wie recht Du hast!!!

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